Hydra 4

Spielerei für den wenig ambitionierten Mac-Nerd

Seit kurzem im Mac AppStore (MAS) für knappe 45 Euro zu haben und auch im hauseigenen Shop von Creaceed. Ich arbeite seit Jahren sehr ambitioniert mit der High Dynamic Range-Fotografie und habe etliche Apps ausprobiert. Letztlich bin ich beim Platzhirsch Photomatix Pro geblieben und eine App muss sich also mit diesem Referenzprodukt vergleichen.

Ich habe auch einen oder mehrere Macs und optisch ansprechende Apps liebe auch ich. Wer jedoch mit Eigenschaften einer App wirbt, sollte meines Erachtens mehr Fokus auf technische Details legen, als die Transparenz der Benutzeroberfläche (UI) ganz im Stile von macOS El Capitan als herausragende Eigenschaft seiner Applikation in den Vordergrund zu rücken. So konnte ich nach dem Abgrasen der gesamten Website keinerlei Spezifikationen oder Anforderungen an die Hardware auskundschaften. Stattdessen wird mit Schlagwörtern wie "Metal" und "128 bit" um sich geworfen ohne jedoch genau zu erklären, was man im Endeffekt davon genau hat, oder wie die Amerikaner zu sagen pflegen: Wo ist der Benefit für mich? Nur schneller und live soll alles gehen. Also, die Anpassungen in Helligkeit, Kontrast, Schatten, Lichter etc. sehe ich gleich nach dem Verstellen der Regler im Fenster.

Ergebnis in Hydra 4

Hydra Trial

Alleinstellungsmerkmal?

Das kann Lightroom und jede andere Foto-App ebenfalls. Wo allerdings die 128 bit zuschlagen sollen, bleibt mir ein Rätsel. Mein Prozessor hat eine 64-bit Architektur und HDRs werden intern mit 32 bit gerendert, die aber nicht auf Bildschirmen darstellbar sind. Hierzu werden die Bilder nach dem Rendern auf 16 bit herunter gerechnet. Je nach Farbraum ist deren Darstellbarkeit auf einem Monitor stark von eben diesem abhängig.

Geschichte

Wenn ich mich recht entsinne, gab es vor etlichen Jahren Hydra mal als Plug-in für Aperture, die Apple-hauseigene Foto-App der "gehobenen" Klasse, deren Weiterentwicklung zum Glück eingestellt worden ist. Aperture hat mich seinerzeit nicht überzeugt. Von daher habe ich es mir erspart, Hydra als Plug-in auszuprobieren. Nachdem die Version 4 allerdings gerade sehr umworben wird, habe ich mir von Craeceed die Testversion heruntergeladen.

Testbedingungen

Perfekt auf einem Stativ ausgerichtete Belichtungsreihen sind keine Herausforderung, also habe ich welche genommen die aus der Hand im HDR-Modus meiner Kamera aufgenommen wurden. Die Canon 5D schießt dabei drei Bilder in kurzer Abfolge. Ein normal belichtetes Foto, eine Unter- und eine Überbelichtung, wobei man die Stops (also um wieviele Blendenstufen die Aufnahmen auseinanderliegen) einstellen kann. Der Image-Prozessor in der Kamera rechnet dann ein HDR (und richtet die Einzelbilder automatisch und ohne Zutun des Fotografen aneinander aus!) und speichert dieses als JPG neben den drei im RAW-Format aufgenommen Bildern auf der Speicherkarte ab. Bereits hier fällt auf: die von der Kamera gerenderten HDRs sind besser als die Ergebnisse mit Hydra.

Belichtungsreihe

Belichtungsreihe

Alignment (Ausrichtung)

Photomatix kennt verschiedene Stufen der "Verwackelung": Auf einem Stativ oder von Hand gehalten, wobei letztere noch feinjustiert werden kann in weiteren drei Stufen: normal, wenig oder starke Verwackelungen. Da Photomatix gar keine Wünsche mehr offen lässt, kann man den Grad der Verwackelung auch noch in einem Slider von 0 bis 100 einstellen. Für Hydra ist hier schon Schluss. Entweder man drückt auf den "automatisch ausrichten"-Button oder macht das ganze anhand einer Referenzaufnahme von Hand. Hierbei muss man dann die anderen Bilder der Belichtungsreihe allesamt an dieser Referenzaufnahme ausrichten. Trotz dessen die auszurichtende Ebene im Ebenen-Füllmodus "Differenz" mit der Referenzaufnahme dargestellt wird, ist die Ausrichtung mit Kontrollpunkten eine mehr als nervige Angelegenheit. Man klickt in das Bild und zieht es dann solange, bis die rot-blauen Differenzlinien übereinander liegen. Dabei wird noch nicht mal ordentlich eine Lupe angezeigt und es ist eher ein Ratespiel. Wer versucht mittels der Cursortasten eine Feinjustierung pixelweise anzustreben scheitert auch hier, denn Hydra kann das nicht. So wird das ausrichten der Bilder zu einem Geduldsspiel nach der Methode Trial and Error und fängt so oft von vorne wieder an, bis es nach etlichen Versuchen dann mal klappt. Selbst im Vollbildmodus auf einem 27-Zoll Monitor gelingt das nur nach mehreren Versuchen. Hydra hat zwar eine Lupe um in das Bild einzuzoomen, aber dies geschieht nur mittels der Buttons im Hauptfenster und Hydra zoomt immer in der Mitte des Bildes ein und wieder aus. Ein Hand-Werkzeug zum verschieben des Bildausschnitts sucht man vergeblich.

Das Referenz-HDR wurde von mir auf der Fraueninsel aufgenommen und ist nicht schwierig auszurichten, da kontraststarke Linien im Bild vorhanden sind, z. B. die Boyen, Bergkette im Hintergrund, Segelmast. Photomatix erledigt das automatisch und in Perfektion, ohne irgend ein Geisterbild, das man mit Hydra dann noch mal extra bearbeiten muss. Die automatische Ausrichtung in Hydra orientiert sich an Stellen, die mir nicht nachvollziehbar sind: Wasserwellen und Wolkenlinien - also naturgegeben den Elementen in einer Belichtungsreihe, die die stärksten Abweichungen voneinander aufweisen. Warum es Kontrastkanten wie den Segelmast oder die Boyen vollkommen links liegen lässt, erschließt sich mir nicht.

Alignment

App-Start

Nach dem Start der App erscheint ein Katalog-Fenster im Mini-Format auf dem Bildschirm, welches ein Beispielbild enthält. Ich habe dieses ignoriert, da die Hersteller immer die bestens geeigneten Aufnahmen mitliefern oder auf ihren Webseiten präsentieren.

Von diesem Katalogprinzip kann man halten was man will. Viele Fotografen stören sich am Katalog von Lightroom, also werden sie das dann auch bei Hydra als störend empfinden. In Hydra handelt es sich aber eher um einen Container als um einen Katalog. Man kann keinerlei Metadaten oder Notizen zu den sich dort befindlichen Objekten speichern.

Die einzelnen Bilder der Belichtungsreihe habe ich von der Bridge in das Katalogfenster von Hydra gezogen und erstaunlicherweise hat es die Adobe DNGs anstandslos übernommen, obwohl auf der Website von Craeceed zu lesen ist, dass DNGs erst einmal in ein anderes Format exportiert werden müssen. Leider kommt Hydra ohne Plug-in für Adobe Lightroom, sodass man die gewünschten Bilder manuell öffnen muss oder eben ins Katalog-Fenster zieht. Bei Photomatix ist dies wesentlich komfortabler mit einem Klick aus Lightroom zu erledigen.

Start-Bildschirm in Hydra

Startbildschirm in Hydra

Anzeige der Belichtungen

Anzeige der Belichtungsreihe

Presets

Presets

Entwickeln

Nach dem Laden der Belichtungsreihe werden in einem seitlichen Infofenster Details zu den einzelnen Bildern angezeigt (links oben im Bild). Klickt man auf das Gear-Symbol (Zahnrad) hat man die Möglichkeit Anpassungen in Belichtungswert, Belichtungszeit, Blende und ISO-Wert vorzunehmen. Am Bild selbst ändert es nichts, ist jedoch dazu geeignet die Belichtunswerte nah beieinander liegender Aufnahmen voneinander zu separieren.

Hat man die Hürden des Alignments umschifft, darf man endlich in den Entwickeln-Modus der App wechseln und auch hier überzeugt Hydra keinesfalls (rechts im Bild). Stolz wird auf der Website verkündet, dass 12 Presets (links unten im Bild) mitgeliefert werden. Nun, wenn man "ohne Effekt" abzieht, sind es eigentlich elf. Zieht man die drei Foto-Effekte "Sepia", "Retro" und "Cyanotypie" ab, hat man also noch acht. Letztere Effekte kann man auch im Post-Processing des HDRs z. B. in Photoshop oder Lightroom erzeugen und sind somit keine HDR-Presets.

Adjustments

Feinabstimmungen nimmt man in diesem rechts abgebildeten Panel vor und auch hier schwächelt Hydra auf ganzer Länge. Neben den in jeder Foto-App vorhandenen Standard-Einstellungen von Helligkeit, Sättigung, Kontrast, etc. gibt es nur drei Regler, die sich um die Details der HDR-Entwickung kümmern: Range Compression (Tonwert), Shadow-Boosting (Schatten aufhellen) und Highlight-Recovery (Spitzlichter). Kein Regler für die Methode des HDRs und deren Stärke, keine für Mikro-Kontraste, Clipping, Licht, obere und untere Helligkeit. Keine Unterscheidung zwischen Tone-Mapping oder Belichtungs-Fusion. Keine Einstellung für Gamma, Weiß- und Schwarzpunkt oder Weißabgleich und Korrektur der chromatischen Aberration. Ebenso vergeblich sucht man nach Einstellungen zur Rauschunterdrückung. Man kann sich noch ein bisschen mit den Reglern im Umfang spielen (Scope), doch auch die haben mich nicht wirklich überzeugt, da sie im wesentlichen nur eine Gradationskurve mit Schiebereglern nachbilden.

Adjustments

Adjustments

Fazit

Wenngleich Photomatix mit seiner etwas angestaubten Benutzeroberfläche nicht mit dem Chic moderner Flat-Design-UIs mithalten kann und es auch doppelt so viel wie Hydra kostet, ist Hydra ein Spielzeug für wenig ambitionierte Mac-Nerds und keine ernste Konkurrenz für Photomatix. Auch bietet es meiner Meinung nach kein wirkliches Tone-Mapping sondern eher eine Belichtungs-Fusion. Eine HDR-App des 21. Jahrhunderts mit Ressourcen von leistungsstarken Grafikprozessoren und Mehrkern-CPUs sollte als Grundvoraussetzung ein automatisches Alignment mitliefern. Dies dem Benutzer zu überlassen und dann nicht adäquate Mittel im manuellen Modus bereitzuhalten, geht für meine Begriffe gar nicht. Das automatische Alignment funktioniert mehr schlecht als recht und liefert Geisterbilder. Als Stand-alone ohne Anbindung an geläufige RAW-Entwickler oder Bildbearbeitungs-Software ist das Arbeiten mit Hydra umständlich und wenig komfortabel, ganz zu Schweigen davon, dass es über keine Möglichkeiten eines Batch-Processings (die Verarbeitung mehrerer HDR hintereinander) verfügt. Die mitgelieferten Presets für die HDR-Entwicklung sind dürftig und wenig. Meine Empfehlung lautet daher: Die Demo-Version laden und selbst ausprobieren, bevor man sich für einen Kauf entscheidet und dabei auch nicht außer Acht lassen, dass HDR Efex von Google kostenlos zu haben ist, über Plug-ins für Photoshop und Lightroom verfügt und sich durchwegs mit Photomatix Pro messen kann. 

Vergleich Camera-HDR (links) und Hydra 4 (rechts)

Das Kamera-HDR wurde vom Digic-Prozessor der Canon gerendert und automatisch ausgerichtet. Die HDR-Einstellung war ebenso wie in Hydra fotorealistisch.

Vergleich Hydra 4 (links) und Photomatix Pro 5 (rechts)

Nicht jedermanns Geschmack: Das Painterly-Preset 1 (von 5) von Photomatix Pro 5 dient der Illustration eines richtigen Tone-Mappings, bei dem sogar noch die Farben der blauen Bootsplane und der roten Boyen sichtbar sind. Das Preset von Hydra ist das photorealistische und zugegeben daher von Haus aus flacher.

Erfahren Sie mehr…

Sie möchten weitere Informationen rund um die HDR-Fotografie? Besuchen Sie meine Seite HDR und Panorama! Hier gehe ich ausführlich auf das Thema ein und stelle Ihnen kurz die Möglichkeiten mit Photomatix und Google Nik HDR Efex in einer allgemein verständlichen Sprache ohne Fachchinesich vor.