Julia

Julia Set (Re) -0.2589852008 (Im) -0.1395348837

1986 habe ich mir meinen ersten PC gekauft, der damals drei Monatslöhne gekostet hat: ein Schneider PC 1512. Später habe ich ihn dann mit einer Festplatte von sagenhaften 21 MB Kapazität aufgerüstet, weil ich der Disketten-Wechslerei überdrüssig war. Diese Erweiterung hat mich meinen ersten CD-Player und Videorecorder gekostet, die ich dafür verkaufen musste. Ein Backup auf 5,25“ Floppy Disks hat einen ganzen Tag lang gedauert, ebenso wie das Ausdrucken meiner Facharbeit auf einem Matrixdrucker – Gehörschaden und Kopfschmerzen inklusive. Programme startete man noch durch den ausgeschriebenen Befehl in der Kommandozeile, grafische Benutzeroberflächen waren nicht mehr als ein rudimentärer Datei-Explorer und eine analoge, grob gepixelte Uhr auf dem Bildschirm.

Kommerzielle Programme gab es so gut wie gar nicht und wenn, dann waren sie genauso teuer wie die Rechenmaschine auf dem Schreibtisch selbst. Es blieb mir also nichts übrig als Programmieren zu lernen und die Anwendungen mit denen ich arbeiten wollte selbst zu schreiben. Angefangen habe ich mit Locomotive Basic, wechselte aber schnell zu einer strukturierten Programmiersprache: Turbo Pascal. Es kamen die ersten Fachzeitschriften auf den Markt, die Chip und für die Programmierer die Toolbox. Programm-Listings habe ich noch Zeile für Zeile aus der Toolbox abgeschrieben, was mühselig war aber auch einen Lerneffekt hatte. Algorithmen wie die Osterberechnung und Quicksort sind mir in Fleisch und Blut übergegangen.

Fraktal-Generatoren kamen gerade erst auf, Benoit Mandelbrot hatte erst ein paar Jahre zuvor das Konzept der fraktalen Geometrie vorgestellt. Ich erinnere mich noch gut daran wie lange es dauerte, bis das Apfelmännchen auf meinem Bildschirm fertig geplottet war: eine ganze Nacht, je nach Iterationstiefe. Die Toolbox hatte einen Wettbewerb ausgeschrieben und sie veröffentlichten einen Bildausschnitt aus dem Mandelbrot Set. Aufgabe war es die Koordinaten dieses Ausschnitts exakt zu finden und einzuschicken. Eines schönen Tages auf dem Weg zur Arbeit, las ich gerade die neue Toolbox-Ausgabe und wäre fast aus dem Bus gesprungen vor Freude als ich las, dass ich den ersten Preis gewonnen hatte: einen dreitägigen Turbo Pascal-Kurs im Hause Heimsoeth & Borland. Daher bin ich seitdem mit den Fraktalen emotional stark verbunden, erinnern sie mich doch immer wieder an meine Computer-Anfänge und die Freuden (Katastrophen) der Programmierung.

Lange Jahre diente mir mein Fraktal-Generator als Benchmarking-Tool meiner immer neueren Computer, bis diese reine MS-DOS Anwendung irgendwann nicht mehr auf Windows zum Laufen zu bewegen war. Seither habe ich die faszinierende Welt der fraktalen Geometrie aus den Augen verloren – bis heute. Auf dem Markt tummeln sich mittlerweile eine Menge dieser Programme, zum Teil kostenlos zu haben oder auch kostenpflichtige Apps. Sogar für’s iPad gibt es sie und allesamt sind sie mitnichten zu vergleichen mit meinem alten Generator. Musste ich die Koordinaten damals noch von Hand eingeben und auf das Berechnen-Knöpfchen drücken und dann stundenlang warten, kann man heute in die Fraktale quasi in Echtzeit hineinfliegen. Davon habe ich damals nicht mal zu träumen gewagt.

Inzwischen ist daraus eine eigene Kunstform entstanden und mit meinem neuen Generator mache ich gerade erste Schritte. Das Titelbild ist entstanden aus dem Tutorial zu Ultra Fractal und ist eine Julia-Menge auf drei Ebenen, nachbearbeitet natürlich in Photoshop. Ein sehr gutes kostenloses Programm ist Xaos – zu finden auf den Seiten der Fractal Foundation. Ich freue mich die Fraktale wiederentdeckt zu haben und bin gespannt, wie weit ich es mit meiner Kunst bringe.